Prof. Yogeshwar: Von Köln über Namibia an die RWTH

  P. Yogeshwar © P. Yogeshwar
30.03.2022
 

Lieber Dr. Yogeshwar,

herzlich Willkommen an der RWTH. Sie werden hier ab dem Sommersemester 2022 das Lehr- und Forschungsgebiet „Computational Geoscience and Reservoir Engineering“ bzw. mit neuem Titel „Geophysical Imaging and Monitoring“ in der Lehre und Forschung für mindestens ein Jahr als Vertretungsprofessor repräsentieren.

  Field trip © P. Yogeshwar

Welche Schwerpunkte werden Sie in Lehre und Forschung in Aachen einbringen?

Meine Forschungsschwerpunkte sind elektrische und elektromagnetische Induktionsverfahren zur Erkundung des Erdinneren von wenigen Metern bis hin zu mehreren hundert Metern Tiefe. Der wichtigste physikalische Parameter für diese Methoden ist die elektrische Leitfähigkeit des Untergrundes. Natürlich bin ich von den Methoden, auf die ich mich spezialisiert habe, besonders begeistert. Neben der Vermittlung klassischer geophysikalischer Methoden möchte ich mich daher mehr auf die elektromagnetischen Induktionsmethoden konzentrieren. 

Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn ich an der RWTH Synergien und ein starkes Netzwerk im Bereich der Geowissenschaften nutzen könnte. In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv mit Projekten und Kampagnen für verschiedene Perspektiven beschäftigt - zum Beispiel seit 2014 in einem vom BMBF geförderten Projekt zur tiefen Mineralienexploration mit bodengebundenen und neuen semi-airborne elektromagnetischen Verfahren; aber auch mit allgemeinen geologischen Zielen zur Erkundung optimaler Bohrstellen, zum Beispiel im Azraq-Becken in Jordanien, der Atacama-Wüste in Chile und auch in der Namib-Wüste. Alle diese Projekte waren Teil des früheren SFB-806 und des SFB-1211. Beide waren in Köln und im ABC/J-Geoverbund angesiedelt - also über Forscher und ihre Teilprojekte eng mit der RWTH Aachen verbunden. Andere Projekte befassten sich mit Umweltthemen wie der Grundwasserverschmutzung. Neben dem Sammeln von Daten über interessante und herausfordernde Standorte an einigen schönen Orten dieser Welt, ist ein großer Teil - eigentlich der größte Teil - meiner Arbeit eher methodisch, zum Beispiel die Anwendung und Entwicklung von Interpretationsschemata für geophysikalische Daten

Kürzlich haben wir bereits ein paar Ideen für laufende Projekte in Aachen gesammelt, bei denen elektromagnetische Methoden bereits kurzfristig einen Beitrag leisten könnten. Aber wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln.

  Windhose in der Wüste © P. Yogeshwar

Ihr Diplom (Thema der Abschlussarbeit: „Grundwasserkontamination bei Roorkee/Indien: 2D Joint Inversion von Radiomagnetotellurik und Gleichstromgeoelektrikdaten“) und Ihre Promotion zum Thema „A resistivity-depth model of the central Azraq basin area, Jordan: 2D forward and inverse modeling of time domain electromagnetic data“ haben Sie 2010 bzw. 2014 an der Universität zu Köln abgeschlossen. Was fasziniert Sie an der Geophysik?

Das ist eine einfache Frage. Ich reise leidenschaftlich gern und konzentriere meine Energie voll und ganz auf ein Ziel. Ich finde es immer eine große Herausforderung, ein neues Projekt in Gang zu bringen, von der ersten Planungsphase bis man schließlich vor Ort ist und die ersten Logger aufstellt und die ersten Aufnahmen macht. Für mich ist das immer ein extrem spannender Prozess. Und vor allem war es ein sehr lohnender Prozess, denn er erfordert wirklich vollen Einsatz, und man weiß nicht, ob alle Modellierungsstudien im Vorfeld richtig und alle Planungen ausreichend waren. Aber in dem Moment, in dem man die ersten Daten im Feld analysiert hat und sie aussagekräftig sind, ist es einfach unheimlich befriedigend und erleichternd.

Neben dem Abenteueraspekt ist für mich die Faszination wirklich das vielschichtige breite Spektrum an Arbeits- und Forschungsgebieten. Die Geophysik deckt einen so weiten Bereich vom Erdinneren bis zum Weltraum ab, aber schon allein die angewandte Geophysik berührt eine riesige Vielfalt an interessanten Fragestellungen. Viele dieser Fragen sind auch für die Gesellschaft und die Menschheit relevant. Für mich ist es irgendwie die Kombination aus stark fokussierter theoretischer Arbeit, bei der man sich möglicherweise hinter dem Computerbildschirm verliert, und der spannenden praktischen Arbeit, bei der man zu neuen Abenteuern aufbricht. Als ich Physik studierte, konnte ich mir nicht vorstellen, nur in einem Labor zu arbeiten. Eines Tages besuchte ich das Geophysikalische Institut in Köln und stieß auf ein Werbeplakat mit einem Bild des Vulkans Merapi in Indonesien, auf dem stand: "Sie interessieren sich für spannende Forschung und Fragen zu Vorgängen in der Erde?". Das hat mich irgendwie angesprochen und ich habe festgestellt, dass mir die Erde als Labor wirklich Spaß macht. Von da an ging es Schlag auf Schlag und ich hatte das Glück und das große Privileg, an zahlreichen spannenden Projekten in vielen Teilen der Welt beteiligt zu sein.

 

Seit dem Abschluss Ihrer Promotion arbeiten Sie in der Arbeitsgruppe „Angewandte Geophysik“ von Prof. Tezkan am Institut für Geophysik und Meteorologie an der Universität zu Köln. Welchen Eindruck haben Sie von Köln aus im ABC/J-Geoverbund von den Geowissenschaften an der RWTH Aachen gewinnen können?  

Tatsächlich profitiere ich seit vielen Jahren von dem starken Forschungsnetzwerk innerhalb des ABC/J Geoverbundes. Wie gesagt, ich hatte (und habe) das Glück, Teil von zwei großen SFBs zu sein. Schon meine Promotion in Jordanien fand im SFB-806 statt und war mit Aachen verbunden. Im aktuellen SFB-1211 bin ich zum Beispiel über zwei Teilprojekte mit Aachen verbunden. In einem Teilprojekt wollen wir küstennahe Schwemmfächer in Chile untersuchen, um mehr über ihre innere Architektur, ihr Ablagerungsvolumen und ihre Geschichte zu erfahren. Innerhalb des SFB gab es früher gemeinsame Kolloquien, Graduiertenschulen oder integrierte Graduiertenkollegs, in denen verschiedene Forscher ihre aktuellen Arbeiten vorstellten. Die Vielfalt der Forschungsaktivitäten in den Geowissenschaften an der RWTH hat mich beeindruckt.

  Wüste © M. Melles und P. Yogeshwar

Derzeit bereiten Sie einen Feldaufenthalt nach Namibia vor. Wohin wird der Aufenthalt Sie genau führen und was erforschen Sie vor Ort genau?

Wir besuchten zwei Stätten - den etwa 4-5 Millionen Jahre alten Einschlagskrater Roter Kamm und die Aurus-Tonpfanne. Beide befinden sich im Süden Namibias im Sperrgebiet. Ich schätze, das ist einer der abgelegensten Orte der Erde. Wir haben mehr als ein Jahr intensiver Vorbereitungen gebraucht und hatten wirklich erhebliche Verzögerungen. Aber schließlich konnten wir abheben. Für die Untersuchung waren wir ein großes Team von 15 Mitgliedern des Instituts für Geologie und Mineralogie, des Instituts für Geophysik und Meteorologie in Köln, unserer Kollegen von der TUBAF in Freiberg sowie unserer Mitarbeiter vom Geologischen Dienst und der Universität von Namibia. 22 Tage lang lebten wir in einem Camp in der Nähe des Roten Kammes, kochten auf Feuer und Gas, schliefen in Zelten und arbeiteten draußen im Feld.

Wir setzten eine Reihe verschiedener geophysikalischer Methoden ein, um beide Standorte von einer geringen Tiefe von etwa 5 m bis hinunter zu etwa 600 m optimal zu erkunden. Zwei elektromagnetische Methoden (TEM, AMT) und Reflexions-/Refraktionsseismik wurden eingesetzt, um eine ausreichende Tiefe und räumliche Auflösung zu erreichen. Eigentlich sind alle Methoden in der Lage, die Mächtigkeit der Sedimente - z. B. die Tiefe bis zum Grundgestein - und die Architektur zu bestimmen, obwohl jede Methode unterschiedliche Stärken aufweist. An beiden Standorten haben wir auch Bohrungen in den obersten Metern vorgenommen, um die spezifische Sedimentzusammensetzung und die subrezenten Sedimentationsraten zu untersuchen. Ziel der Untersuchung war es, das Potenzial beider Standorte für Tiefbohrungen in der dritten Phase des CRC-1211 zu ermitteln, um neue Erkenntnisse über die langfristige känozoische Klimaentwicklung in der Namib-Wüste zu gewinnen.

  Indische Frau © P. Yogeshwar

Neben Indien, Jordanien und Namibia waren Sie auch an Feldkampagnen in Griechenland, Albanien, Äthiopien, Israel, Chile, Schweden und Russland beteiligt bzw. haben diese koordiniert. Gibt es eine Region, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist? 

Indien! Immer wieder bin ich fasziniert von dem Land, seiner allgemeinen Lebendigkeit, Schönheit und Lebendigkeit - am besten natürlich ohne die ganzen schmutzigen Seiten zu sehen. Aber eigentlich haben mich viele Länder berührt und auf unterschiedliche Weise starke Eindrücke hinterlassen. Äthiopien war mein erster Besuch in Afrika - die Natur und auch die Freundlichkeit der Menschen, die uns dort geholfen haben, haben mich sehr bewegt. In Chile habe ich zum ersten Mal richtig gezeltet, und es war wirklich toll, für längere Zeit in der Wüste zu sein - ein bisschen "back to basics". Namibia war einfach ein einzigartiges Naturerlebnis - ein wunderschönes Land und sehr einfach zu bereisen. Ich werde auf jeden Fall noch einmal eine Campingtour in der Natur machen, und vielleicht wären auch zukünftige Projekte toll.

  Zelt © P. Yogeshwar

Sie haben bereits 2014 und 2015 zwei Lehrpreise an der Universität zu Köln erhalten. Was ist Ihnen in der Lehre wichtig und was erwarten Sie von Ihren Studierenden?

Für mich ist es sehr wichtig, geophysikalische Methoden einigermaßen verständlich und vollständig vermitteln zu können. Es bringt nicht viel, sich nur durch die Theorie zu wühlen, ohne ein praktisches Gefühl für eine Methode und ihre Anwendung zu bekommen. Meiner Erfahrung nach fehlt oft eine grundlegende konzeptionelle Idee oder ein Verständnis, um eine bestimmte theoretische Beschreibung in einen Kontext stellen zu können. Daher versuche ich, im Unterricht aktiv zu sein - wo ich Lücken oder Schwierigkeiten sehe, gebe ich mein Bestes, um zu helfen und Material für ein tieferes Verständnis auszuwählen. Auf der anderen Seite schätze ich es sehr, wenn die Studierenden ihren Enthusiasmus mit mir teilen, sich engagieren und sich beteiligen, so dass der Unterricht mehr zu einem Austausch mit Interaktion und Raum für Diskussionen wird. Insgesamt ist es mir wichtig, dass das Unterrichten für beide Seiten eine angenehme Erfahrung ist und die Vorlesung lebendig ist.

 

Welche Lehrveranstaltungen werden Sie während Ihrer Professurvertretung übernehmen? Werden Sie auch Exkursionen anbieten?

In diesem Sommersemester werde ich Kurse und Übungen für das Mastermodul "Geophysik - I: Theorie der geophysikalischen Prospektionsmethoden" geben. Die Kurse sollen im Wesentlichen die Grundlagen der klassischen geophysikalischen Methoden von der Geolelektrik, über elektromagnetische Methoden bis hin zu Potentialmethoden und Seismik abdecken. Außerdem werden wir uns mit der Programmierung und Datenanalyse beschäftigen. Im Wintersemester gibt es dann den Bachelorstudiengang Grundlagen der Geophysik und den Masterstudiengang Geophysik II, in dem wir etwas tiefer in die Theorie der inversen Modellierung einsteigen werden. Alles war ein bisschen kurzfristig, um einen umfangreichen Exkursionsplan zu erstellen. Ich möchte jedoch in den Sommerferien eine tägliche elektromagnetische Kartierungsexkursion anbieten, möglicherweise zu einem archäologischen Ziel. Derzeit bin ich auch an der Vorbereitung von großflächigen Semi-Airborne-EM-Messungen in Schweden und im Harz beteiligt. Wir brauchen immer Man-Power im Feld. Zu Studentenzeiten waren diese Surveys für mich immer eine gute Gelegenheit, zu lernen und mich zu engagieren - vielleicht gibt es ja ein paar interessierte Studenten.

Vielen Dank für das Interview!