Auf Wiedersehen, Prof. Littke!

   

Zwischen Nachwuchsförderung und Hochgebirge: Prof. Littke verabschiedet sich in den Ruhestand

Nach dem Studium der Geologie und der Promotion an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema „Aufbau und Entstehung von Flözen der Dorstener, Horster und Essener Schichten des Ruhrkarbons am Beispiel der Bohrung Wulfener Heide 1“ wechselten Sie 1985 an das Forschungszentrum Jülich, wo Sie zunächst Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Erdöl und Organische Geochemie und ab 1993 stellvertretender Direktor waren. Inwieweit haben Sie Ihre Jahre in einer reinen Forschungseinrichtung geprägt?

Das war schon eine sehr wichtige Erfahrung, gerade im Vergleich zur Hochschule, von der ich kam und zu der ich dann ja auch zurückging. Vieles ging in Jülich sehr viel besser; so war generell viel mehr Geld und technisches Personal vorhanden. Viele Verfahrensabläufe waren einfacher und die Verwaltung deutlich serviceorientiert. Entscheidungen, für die an der Hochschule zig Sitzungen mit vielen Dutzenden von Beteiligten benötigt werden, wurden in einer Direktoriumssitzung mit fünf Teilnehmern gefällt. In dem Bereich wird an den Hochschulen m.E. unendlich viel Zeit verschwendet. Und Studierende lernen dabei nicht, wie Verwaltungsabläufe aussehen sollten, sondern wie sie nicht aussehen sollten. Andererseits bringt die Uni mit ihren vielen jungen Leuten einfach einen unbezahlbaren frischen Wind in die Forschung, der den Großforschungseinrichtungen (heute: Helmholtz-Zentren) oft fehlt. Und die Forschung an den Zentren ist auch immer politisch mitgesteuert; das ist an den Hochschulen weniger der Fall und ein ganz wichtiger Vorteil dort. Ich selbst habe als Geowissenschaftler vor allem die Zusammenarbeit mit Physikern und Chemikern schätzen gelernt und dann auch an der RWTH weitergepflegt.

 

1993 schlossen Sie Ihre Habilitation mit dem Thema „Deposition, diagenesis, and weathering of organic matter-rich sediments“ in Bochum ab. Seit 1997 sind Sie ordentlicher Professor an der RWTH Aachen und leiten das Institut für Geologie, Geochemie und Lagerstätten des Erdöls und der Kohle. Woher kommt Ihr Interesse an diesen Energieträgern und wie beurteilen Sie die künftige Entwicklung in diesem Bereich auch in Hinblick auf die weitere Entwicklung Ihres Lehrstuhls?

Da gibt es zwei für mich wesentliche Aspekte: Einerseits sind Kohlen und Erdölmuttergesteine exzellente und unersetzliche Archive für Paläoumweltbedingungen, auch für das Paläoklima. Sie eignen sich also für geowissenschaftliche Grundlagenforschung, die einen großen Teil unserer Arbeiten ausgemacht hat. Andererseits stellen fossile Energieträger seit vielen Jahrzehnten mehr als 85% des weltweiten Primärenergieverbrauchs; sie sind also auch wirtschaftlich enorm bedeutend. Zum Beispiel ist der Wert der Erdöljahresproduktion um ein Mehrfaches größer als der aller metallischen Rohstoffe. Dadurch bedingt gibt es dort seit Jahrzehnten viele spannende und auch gut bezahlte Jobs für Geowissenschaftler. Es war mir ein Anliegen, Studentinnen und Studenten, die bei uns ihre Masterarbeit oder Doktorarbeit abgeschlossen haben, mit sehr guten Voraussetzungen für gute Jobs auszustatten – durch ein gutes Verständnis von Erdölsystemen und durch ein analytisches Denken, das auf Quantifizierung von Geoprozessen ausgerichtet ist.

 

In der Fachgruppe Geowissenschaften und Geographie leiten Sie einen der drittmittelstärksten Lehrstühle und haben weit über 30 große Forschungsprojekte (u.a. das Schwerpunktprogramm Sedimentbeckendynamik ) eingeworben, die nicht nur aus der Industrie sondern auch aus öffentlichen Mitteln der großen Wissenschaftsorganisationen (u.a. DFG, EU und BMBF) gefördert wurden. Insbesondere im Bereich der Sedimentbeckenforschung haben Sie es verstanden, Grundlagenforschung mit aus der Erdölindustrie stammenden empirischen Datensätzen zu verschmelzen. Für wie wichtig erachten sie das Miteinander aus Industrie- und wissenschaftlicher Grundlagenforschung in der Zukunft?

Wie oben schon geschrieben steckt in der Erdöl- und Erdgasindustrie sehr viel Geld, das vor allem in Personal, Bohrungen, seismische Exploration und modernste Software gesteckt wird. Ohne diese Daten ist es quasi nicht möglich, sinnvoll sedimentäre Systeme zu erforschen. Wir haben das über viele gemeinsame und vertrauensvoll gestaltete Projekte geschafft, aber es war nicht immer einfach, öffentliche und privatwirtschaftliche Interessen unter einen Hut zu bringen. Aber – wenn man es nicht versucht, hat man schon verloren. Wir hatten immerhin exzellente Labore, Know-How und den Einsatz junger, motivierter Mitarbeiter zu bieten; die Vertreter der Industrie hatten also auch ein eigenes Interesse an Zusammenarbeit. In anderen Ländern wie Norwegen, den Niederlanden oder Australien müssen wesentliche Daten der Kohlenwasserstoffindustrie übrigens ohnehin der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, in Deutschland ist das leider nicht der Fall.

 

EIn H-Index von 71 und über 21.000 Zitationen aus mehr als 600 Veröffentlichungen , die von Sequenzstratigraphie, sedimentären Systeme und Beckenanalyse über petrophysikalische Untersuchungen bis hin zur organischen Geochemie, Kohlepetrographie und Kohlenwasserstoffsysteme ein sehr breites geowissenschaftliches Feld abdecken, belegen Ihre wissenschaftliche Sichtbarkeit im nationalen und internationalen Kontext . Darüber hinaus haben Sie über 70 Promovierende betreut. Worin liegt Ihr Erfolgsrezept insbesondere im Bereich der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses?

Ich wollte immer unsere Studentinnen und Studenten fördern und habe die Projekte und Einnahmen meines Lehrstuhls überwiegend in die Anstellung von Doktoranden und Doktorandinnen investiert, neben der natürlich notwendigen Investition in modernste Geräte. Und Mitte der 80er Jahre, nach Abschluss der Doktorarbeit, die ich wie damals üblich auf Deutsch geschrieben hatte, teilte ich mir am Forschungszentrum Jülich ein Zimmer mit einem ebenfalls frisch promovierten holländischen Geochemiker, dessen Dissertation aus einzelnen, auf Englisch verfassten, zuvor veröffentlichten Artikeln bestand. Es war klar, dass das die Zukunft sein musste, weil so Forschung viel besser einem breiten, internationalen Publikum bekannt gemacht werden kann. Dieses Konzept haben wir dann ziemlich konsequent, einige Ausnahmen bestätigen die Regel, umgesetzt. So kam es dann zu vielen Veröffentlichungen. Die fachliche Breite kam – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen – im Laufe der Jahre zustande: Wir etablieren uns mit einem Spezialthema, aber im Laufe der Zeit kommen immer mehr verwandte Themen hinzu, auch durch Zusammenarbeit mit vielen Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachrichtungen.

 

In der Lehre haben Sie mehrere Preise erhalten und sich insbesondere in den Prüfungsausschüssen engagiert. Darüber hinaus waren Sie als Dekan der Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik sowie Senator der RWTH tätig und vertraten zuletzt die Fachgruppe Geowissenschaften und Geographie als Fachgruppensprecher . Für wie wichtig erachten Sie das Engagement in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung?

Zunächst habe ich verinnerlicht, dass Universitäten Plätze für Forschung und Lehre sind: Das sind auch die Aufgaben der Profs. Den Teil Lehre habe ich also immer als wesentlichen Teil meiner Aufgaben empfunden und auch gerne gemacht; für mich war es keine Belastung, im Hörsaal zu stehen. Auch in der Zeit als Senator, Dekan, Prodekan habe ich meine Lehre komplett weiter beibehalten und nichts reduziert. Das habe ich also einerseits ernst genommen, andererseits ist es mir zum Glück leicht gefallen. Die Mitarbeit in den Gremien ist dagegen eine schlichte Notwendigkeit. Es ist ja klar, dass Prüfungsausschüsse oder Berufungskommissionen notwendig sind – dort wird wichtige Arbeit geleistet, die für die zentralen Ziele – Forschung und Lehre – notwendig ist. Kritisch sehe ich, dass praktisch alle Gremien zu groß sind, unter anderem um irgendwelche Verhältnisse zwischen verschiedenen Gruppen von Angestellten, Beamten und Studierenden zu genügen. Das führt letztlich zu einem nicht zu rechtfertigenden Zeitaufwand – diese Zeit geht für die zentralen Aufgaben in Forschung und Lehre verloren.

 

Neben Forschung und Lehre engagieren Sie sich ehrenamtlich in den geowissenschaftlichen Fachverbänden und haben hier auch wichtige Führungspositionen besetzt und weitreichende Reformen umgesetzt. Nach der Zusammenführung der damaligen westdeutschen „Deutschen Geologische Gesellschaft“ (DGG) und der ostdeutschen „Gesellschaft für Geowissenschaften (GGW) zur neuen gesamtdeutschen DGG im Zuge der Wiedervereinigung haben Sie die Vereinigung der Geologische Vereinigung (GV) und die DGG zur heutigen DGGV im Jahr 2015 als damaliger Vorsitzender der GV von 2010-2014 entscheidend vorbereitet. Welche Rolle sehen Sie in den Fachverbänden hinsichtlich der Vermittlung eines gemeinsamen geowissenschaftlichen Zukunftsprofils? Für wie wichtig erachten Sie eine Mitgliedschaft in den Berufs- und Fachverbänden für Studierende und Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen?

Zum einen denke ich, dass die Integration der Geowissenschaften der festen Erde, also Geologie, Geophysik, Mineralogie und Paläontologie, weiter gehen sollte in Richtung einer Gesellschaft der Geowissenschaften. Im Augenblick gibt es ja für jede Disziplin eine Einzelgesellschaft, obwohl heute und seit 20 Jahren unsere Studierenden nicht mehr die Einzelfächer, sondern Geowissenschaften studieren. Dieser Separatismus ist auf Dauer nicht sinnvoll und auch den Jüngeren nicht vermittelbar. Natürlich muss auch eine solche Gesellschaft auf Tagungen und über Publikationen den Raum bieten, spezielle Themen in großer fachlicher Tiefe zu behandeln.

Zum anderen denke ich, dass es gut ist, als Student/in oder Jungwissenschaftler/in eine fachliche Heimat zu finden. Das geht über die Mitgliedschaft in einer der Gesellschaften sehr gut. Ich selbst war in Spitzenzeiten Mitglied in mehr als einem Dutzend wissenschaftlicher Gesellschaften, habe das aber jetzt zum Ruhestand auf die DGGV reduziert. Ich rate jedem/jeder, es zumindest mal für einige Zeit auszuprobieren.

 

Nach 26 Jahren an der RWTH werden Sie zum 30.09.2023 in den Ruhesstand eingetreten. Wenn Sie auf diese Zeit in Aachen zurückblicken, was waren Ihre persönlichen High- und ggf. Lowlights?

Highlights sind auf jeden Fall die vielen spannenden Forschungsprojekte, oft auch mit Kolleg/innen aus der RWTH, die durch die Zusammenarbeit mit Postdocs, Doktorand/innen, sowie Studierenden, die bei uns ihre Master- oder Bachelorarbeit gemacht haben, zu Erfolg geführt wurden. Da erinnere ich mich täglich an viele nette und engagierte Menschen; zu vielen habe ich auch noch losen, zu wenigen sogar engeren Kontakt. Lowlights waren unsagbar langsame und teilweise destruktive Abläufe innerhalb der sehr teuren Zentralverwaltung der RWTH, teilweise auch getrieben von der Angst, irgendetwas falsch zu machen – mit dem Ergebnis, dann besser gar nichts zu machen. Wer nichts macht, macht natürlich keinen Fehler, aber bringt uns das voran?

In Ihrer Freizeit verbringen Sie viel Zeit beim Klettern im Hochgebirge. Welche Pläne haben Sie für den (Un-)Ruhestand? Werden Sie neue Klettersteige ausprobieren?

Klar, neue Klettersteige – und die Wiederholung einiger besonders schöner bekannter Wege vor allem in den Dolomiten – stehen auf jeden Fall auf dem Programm. Aber es sind nicht nur die Kletterrouten, die mich reizen, sondern generell die grandiosen Hochgebirgslandschaften. Vieles kann man sich hervorragend erwandern, aber durch die Klettersteige bekommt man in Steilwänden und auf Graten noch einen zusätzlichen Zugang. Außerhalb der Alpen, Pyrenäen und des Mittelmeerraumes, die ich recht gut kenne, gibt es noch andere Länder, Inseln, Städte in Europa, die ich gerne erkunden will, z.B. die Bretagne, nördliche Teile von Skandinavien oder Irland.